Du er her: BØRNE- & UNGDOMSHUSE · Handleplan Kindeswohlgefährdung

Handlungsleitfaden

zum Umgang mit Kindeswohlgefährdung für Mitarbeiter in unseren Einrichtungen.

Definition „Kindeswohlgefährdung“

Eine Gefährdung des Kindeswohls liegt dann vor, wenn die begründete Besorgnis besteht, dass bei Nichteingreifen das Wohl des Kindes beeinträchtigt wird oder eine gegenwärtige, in einem solchen Maße vorhandene Gefahr besteht, dass sich bei der weiteren Entwicklung des Kindes eine erhebliche Schädigung mit ziemlicher Sicherheit voraussehen lässt. Dabei entsteht die begründete Besorgnis in aller Regel aus Vorfällen in der Vergangenheit. Aufgrund des gesamten Verhaltens des Sorgeberechtigten muss Anlass zur Besorgnis bestehen. Die zu besorgende erhebliche Schädigung, die mit ziemlicher Sicherheit vorauszusehen sein muss, macht es erforderlich, in dem konkreten Fall das Kindeswohl zu definieren“.

Das heißt, eine Kindeswohlgefährdung liegt dann vor, wenn Kinder in ihrer körperlichen, seelischen oder geistigen Entwicklung gegenwärtig gefährdet sind bzw. wenn Verletzungen und Schädigungen des Kindeswohls bereits eingetreten sind und die schädigenden Einflüsse fortdauern. Dies kann insbesondere angenommen werden, wenn die Grundbedürfnisse2 des Kindes in einem erheblichen Umfang vernachlässigt werden durch elterliches Fehlverhalten bzw. Unterlassen angemessener Fürsorge oder durch das Verhalten Dritter. Dies kann gegeben sein, wenn die Eltern nicht gewillt oder nicht in der Lage sind, die Gefahr abzuwenden (§ 1666 Abs. 1 BGB, aktuelle Fassung).

Die nachfolgend aufgeführten Anzeichen sind beispielhaft für die Bewertung und nicht abschließend oder generell gültig. Es ist immer die konkrete Situation des Einzelfalls und die altersspezifische Entwicklung des Kindes/Jugendlichen zu berücksichtigen.

Vernachlässigung

des körperlichen Wohls - durch mangelhafte Versorgung und Pflege, wie unzureichender Ernährung, Pflege, Gesundheitsfürsorge, Unterlassen ärztlicher Behandlung oder unzureichender Schutz vor Risiken und Gefahren des seelischen und geistigen Wohls - durch ein unzureichendes oder ständig wechselndes und dadurch nicht verlässliches, tragfähiges emotionales Beziehungsangebot, Mangel an Aufmerksamkeit und emotionaler Zuwendung, Nichteingehen auf Bedürfnisse des Kindes, Unterlassen einer angemessenen alters- und entwicklungsgerechten Betreuung, Erziehung und Förderung, u.a. auch das Desinteresse der Eltern am regelmäßigen Schulbesuch des Kindes

Misshandlung

körperliche Misshandlung – durch direkte Gewalteinwirkung auf das Kind, wobei die Mehrzahl der körperlichen Misshandlungen sichtbare Spuren auf der Haut hinterlässt, insbesondere Schlagen, Treten, Schütteln, Verbrennen, Würgen, Verätzen, Stichverletzungen zufügen, der Kälte aussetzen etc. psychische Misshandlung – durch Zurückweisung, Ablehnung und Herabsetzung des Kindes; Überforderung durch unangemessene Erwartungen, soziale Isolierung, Einschüchterung, Ängstigung des Kindes durch Drohungen, symbiotische Bindung des Kindes durch einen Elternteil.

Häusliche Gewalt

durch Gewaltstraftaten zwischen Erwachsenen, die in einer partnerschaftlichen oder verwandtschaftlichen Beziehung zueinander stehen oder standen. Das Miterleben der Gewalt gefährdet eine gesunde seelische Entwicklung, beeinträchtigt die Beziehungsfähigkeit und kann Traumatisierungen auslösen

Sexueller Missbrauch

durch sexuelle Handlungen mit Körperkontakt, Vorzeigen pornografischen Materials durch eine erwachsene oder wesentlich ältere jugendliche Person, oft unter Ausnutzung von Abhängigkeitsverhältnissen

Anhaltspunkte einer möglichen Kindeswohlgefährdung.

Wenn von uns betreute Kinder/ Jugendliche Informationen geben über ihre Geschwister, Nachbarskinder etc. und deren Namen bekannt sind/ werden – woraus sich Rückschlüsse auf Kindeswohl gefährdende Zusammenhänge ziehen lassen (Prüfauftrag), soll die Plausibilität dieser Aussagen von der zuständigen Fachkraft geprüft werden. Die Fachkraft sollte gemeinsam mit der zuständigen Leitungskraft beraten, ob Gespräche mit den Eltern oder den Personensorgeberechtigten möglich und das geeignete Mittel sind. Ist dies nicht möglich oder sinnvoll, sind die erhaltenen Informationen jedoch glaubwürdig und weisen auf gewichtige Gefährdungen eines Kindes oder Jugendlichen hin, ist das zuständige Jugendamt unmittelbar zu informieren, damit dieses ggf. gemäß § 8a Abs.1 SGB VIII tätig werden kann.

Was tun bei Verdacht auf Kindeswohlgefährdung

Wenn unser pädagogisches Personal, Verdachtsmomente erkennt, da das Kind oder der Jugendliche Symptome von Misshandlung/Missbrauch oder Vernachlässigung zeigt, sollen sie die Leitungskraft bzw. die Stellvertretung der Einrichtung unmittelbar informieren. Gemeinsam findet auf der Basis der von dem/der Mitarbeiter/in genannten Anhaltspunkte mit der/dem Fallzuständige/n und der Leitungskraft eine Einschätzung statt, ob ggf. gewichtige Anhaltspunkte für eine Gefährdung des Wohls des Minderjährigen vorliegen. Sollte sich in der gemeinsamen Einschätzung ergeben, dass weitere Informationen notwendig sind, um „gewichtige Anhaltspunkte“ für die Gefährdung eines Kindes oder Jugendlichen abschätzen zu können, sollen diese Informationen eingeholt werden. Diese Aufgabe der Informationsgewinnung hat vor dem Hintergrund der beschriebenen Datenschutzbestimmungen des SGB VIII (§§ 61ff.) zu erfolgen. Bei der Einholung von weiteren Informationen bzgl. der Einschätzung von Gefährdungsrisiken ist der datenschutzrechtliche Grundsatz des § 67 a Abs. 3 SGB X und der § 62 Abs. 2 von besonderer Relevanz. Hiernach ist der Betroffene über den Zweck der Erhebung der Sozialdaten zu informieren, wenn die Hilfe für das Kind hierdurch nicht gefährdet wird, z.B. bei Verdacht auf sexuellen Missbrauch.

Wesentliche Quellen der Informationsgewinnung sind:

• Eigene Wahrnehmung aus der Betreuungssituation und Erzählungen (Berichte) der Kinder/Jugendlichen,

• Datenerhebung (Informationsgewinnung) bei den Betroffenen (Personensorgeberechtigte/ Kinder/Jugendliche) – vgl. § 62 Abs. 2 Satz 1.

Eine Prüfung, ob die Familie zugänglich ist bzw. mit welchen Personen das Kind noch Kontakt hat, ist an dieser Stelle notwendig. Da es das fachlich immanente Ziel ist, die Personensorgeberechtigten sowie die Kinder bzw. Jugendlichen auch im Hinblick auf die weitere Beobachtung des Kindeswohls von Anfang an mit einzubeziehen, ist zunächst die unmittelbare und vorrangige Informationsbeschaffung über die Eltern/ Personensorgeberechtigten notwendig, solange der Schutz des Kindes nicht gefährdet wird. Bei der Gefährdungseinschätzung ist das Alter des Kindes entsprechend zu berücksichtigen. Dies ist eine wesentliche Grundlage, um zu entscheiden, ob ggf. ein unmittelbares Handeln notwendig ist.

Ohne Mitwirkung des/der Betroffenen können bei einer Gefährdung des Kindeswohls auch Daten bei Dritten erhoben werden, wenn dies zur Wahrnehmung des Schutzauftrages erforderlich ist (§ 62 Abs. 3 Nr. 2d und Nr. 4) und keine Mitwirkungsbereitschaft der Personensorgeberechtigten gegeben ist. In erster Linie sollen die erforderlichen Informationen über die Personensorgeberechtigten erfolgen, solange hierdurch der wirksame Schutz des Kindes oder Jugendlichen nicht in Frage gestellt wird. Damit soll verhindert werden, dass Informationen nicht ohne triftigen Grund „hinter dem Rücken der Betroffenen“ erhoben werden. Gleichzeitig wird damit dem Grundsatz Rechnung getragen, dass ein wirksamer Schutz - bis zum Beweis des Gegenteils - am Besten immer noch in einer vertrauensvollen Zusammenarbeit mit den primärverantwortlichen Personensorgeberechtigten gelingen kann.

Wichtig ist die Beachtung des § 62 Abs. 3 Nr. 4, der vor allem bei Verdacht auf sexuellen Missbrauch greift. Es handelt sich dabei gerade um die Ausnahme vom Grundsatz des Einbeziehens Betroffener, der in § 8a Abs.1 SGB VIII festgeschrieben ist.

Zur Informationsgewinnung und Dokumentation soll der Kinderschutzbogen mit den Bögen zur Einschätzung der Gefährdung (Anlage der Vereinbarung nach § 8a SGB VIII) verwendet werden. Die Beobachtung sollte regelmäßig innerhalb fest vereinbarter Zeiträume erfolgen. Die Ergebnisse sollen schriftlich festgehalten werden, falls Informationen über die familiäre Situation des Kindes vorliegen und/oder mit den Eltern Gespräche geführt werden können, sollten die Sozialdaten, die Risikofaktoren, die Gefährdungsdimensionen und die Ressourcen erfasst werden. In jedem Fall sollten die vorhandenen Ressourcen der Familie gleichermaßen bewertet werden wie die Risiken, da eine defizitäre Situation des Kindes für sich betrachtet zwar ausreichend sein kann, eine Kindeswohlgefährdung festzustellen, ihr aber gleichzeitig kompensierende familiäre Resilienzfaktoren gegenüberstehen können, die die Belastungssituation reduzieren.

Einbeziehung einer insoweit erfahrenen Fachkraft, Durchführung einer Fallkonferenz, Aufstellung eines Schutzplanes

Werden durch die Beobachtung mit Hilfe des Kinderschutzbogens und ggf. vorliegender Erkenntnisse „gewichtige Anhaltspunkte“ erfasst, so ist der Referent / Konsulent bzw. die Vertretung beim Träger hierüber unmittelbar zu informieren. In diesem Fall, und wenn die Fachkräfte in der ersten Einschätzung zu dem Ergebnis gekommen sind, dass gewichtige Anhaltspunkte vorliegen können, soll eine hinsichtlich der Kindeswohlgefährdung erfahrene Fachkraft hinzugezogen werden und eine Fallkonferenz stattfinden.

Die Informationsweitergabe kann gemäß § 65 Abs. 1 Nr. 4 erfolgen. Bei der Einschaltung der erfahrenen Fachkraft sind darüber hinaus die datenschutzrechtlichen Bestimmungen, insbesondere § 64 Abs. 2 SGB VIII, zu beachten.

Im Fallgespräch soll zunächst eine gemeinsame fachliche Bewertung und Einschätzung der Gefährdungssituation vorgenommen werden. Auch die Fallbesprechungen sollen, wenn möglich, in anonymisierter Form oder pseudonymisierter Form erfolgen (§ 64 Abs. 2a SGB VIII). Sollte einer erfahrenen Fachkraft von „anderer Stelle“ im Fallgespräch die Identifizierung der Betroffenen möglich sein, ist dies zu benennen und gemeinsam zu entscheiden, ob eine andere „insoweit erfahrene Fachkraft“ hinzugezogen werden kann oder diese Verzögerung den Schutz des Kindes gefährdet und daher das Fallgespräch fortgeführt werden muss. Sind Maßnahmen zur Sicherstellung des Wohles erforderlich, so soll im Fallgespräch entschieden werden, wer in welchen Schritten und welchem Zeitraum mit dem Kind oder Jugendlichen und den Personensorge- oder Erziehungsberechtigten den wirksamen Schutz des Kindes oder Jugendlichen organisiert, notwendige und geeignete Hilfen entwickelt und auf deren Inanspruchnahme hinwirkt.

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